Kurzgeschichten

Wo Stift?
Wo Blatt?
Wo Kopf?
Wo Wort?
Da!
Schreib ab!
Aus Kopf?
Aus Stift?
Aus Satz?
Ja! 


Brünn/Tschechische Republik


Jakub Zima 

 
Jakub Zima juckt es. Ich werde dieses scheiß Ekzem einfach nicht los. Mit seinen schmutzigen Fingernägeln kratzt er sich den Grind von der Nase. Genervt vom eiskalten Wind zieht Jakub die Strickmütze tiefer ins Gesicht. Nur eine löchrige Decke trennt seinen Hintern vom eiskalten Asphalt.
Der Mann bettelt wie immer vor dem "Zigeunermuseum".  Er gibt den Gestörten. Sobald Touristen aus dem Museum kommen, hochsensibilisiert für die Leidensgeschichte seines Volkes, verdreht Jakub gekonnt das rechte Auge und macht dazu krampfartige Bewegungen. In den frühen Neunzigern, als noch Scharen von reichen deutschen Touristen ins Land gekommen waren, sind für Jakub immer ein paar Kronen abgefallen. Aber das Mitleid hatte über die Jahre nachgelassen. Jakub ist sich sicher. Schuld sind die vielen Flüchtlinge. Seitdem die scharenweise nach Europa kommen, spür ich nur noch diese feindseligen Blicke. Er sieht hinauf zum Himmel. Das klare Blau war durchzogen von rosa Streifen. Es wurde langsam Abend. Und Jakub steht eine harte Nacht bevor.
Saukalt, lange halte ich das hier nicht mehr aus. Vielleicht setze ich mich ne Weile vors McDonald's auf den Namesti Svobody. Und danach geh ich ins Asyl. Was sollen die mir noch klauen.
Er sieht einen Mann, der sich ihm nähert. Das Gesicht kann er nicht erkennen. Der Mann hat einen Schal um die Kapuze seines schwarzen Anoraks gewickelt. Er geht zielstrebig auf Jakub zu. Endlich. Jetzt wippe ich noch ein bisschen debil mit dem Kopf. Das zieht immer. Der Mann greift in seine Tasche, bückt sich zu Jakub hinunter und steckt einen weißen Umschlag in Jakubs Blechdose. Danke schön! Einen schönen Tag noch, ruft Jakub dem Mann hinterher. Als der Fremde hinter der nächsten Straßenecke verschwunden war, nimmt Jakub neugierig den Umschlag aus der Dose. Die eiskalten Finger machen es ihm schwer, den Umschlag zu öffnen. Er befühlt das Kuvert. Irgendetwas Kleines, Festes ist darin. Geld ist es seinem Gefühl nach nicht. Jakub reißt den Umschlag ungeduldig auf. Heraus fällt ein mehrfach geknickter Zettel. Er nimmt ihn hoch und entfaltet ihn misstrauisch. Da rieselt aus dem Papier ein gefärbtes Pulver. Was zur Hölle ist das? Auf dem Papier steht etwas geschrieben. Er war nie in der Schule gewesen, aber lesen, das kann er. Und so liest er, was auf dem Zettel steht. Die Augen weit aufgerissen springt er auf, kramt hektisch seine wenigen Habseligkeiten zusammen und humpelt von panischer Eile getrieben in Richtung Universitätsklinikum. 

Herrestad/Schweden

 

Ludvig Søndström 


Der Tierarzt Ludvig Søndström ist auf dem Weg zum Hof von Gunnar Walden. Er hat kurz vorher ein Pferd einschläfern müssen. Warum mir das in letzter Zeit immer so schwer fällt? Die Tränen der Besitzer? Und diese ewige Frage, ob da nicht noch etwas zu machen sei. Es ist besser für ihn. Sage ich dann immer mit ernster Miene. Eine Anmaßung, denkt Søndström. Und dennoch, vielleicht ist es genau dieser Ausweg aus dem Leiden, der dem Tier uns gegenüber den letzten Vorsprung verschafft.
Aber hier geht es wohl nicht um den Tod. Sondern darum, ein Fohlen zur Welt zu bringen. Seine nächste Patientin ist hoch trächtig. Die Friesenstute mühte sich offenbar schon viel zu lange ab. Und so hatte Gunnar Walden ihn vorhin angerufen, er möge doch vorbei kommen und sich das mal anschauen. Gunnar ist niemand, der sofort den Tierarzt kommen ließ. Das weiß Søndström. Der alte Knochen ist viel zu erfahren und vor allem geizig.
Søndström biegt gerade in die Einfahrt zum Hof ein, als er den Alten wild mit den Armen winkend vor dem Stalltrakt entdeckt. Diese Hektik sieht ihm gar nicht ähnlich. Irgendwas muss da gehörig im Argen sein, denkt Søndström und beschleunigt. Bereits bevor er zum Stehen kommt, hat Walden die Fahrertür aufgerissen. "Beeilen Sie sich, Mensch!" Und schon ist er wieder im Stall verschwunden. Søndström nimmt seinen Koffer aus dem Wagen und hetzt hinter Walden her.
Er sieht die Stute im Stroh liegen. Walden, der aschfahl an einem Holzpfosten lehnt, zeigt mit zitterndem Arm auf das Tier. Da erkennt auch Søndström, dass hier etwas Grauenhaftes im Gange ist. Was er sieht, hat nichts mehr mit Medizin zu tun. Selbst nicht mit der ihm bekannten Biologie. Hier sind andere Mächte am wirken.