Der kalte Stein

Andreas Suter hatte ein hartes Herz. Und ein solches brauchte es. Sein Beruf verlangte nach einem rücksichtslosen Herz. Nach einem, das sich nicht um die Herzen der anderen scherte. Nach einem kalten, erfolgreichen Herz.

Andreas Suter war Anwalt. Er arbeitete in einer großen Kanzlei für Arbeitsrecht in Bern. Seine Aufgabe war es, Firmen bei geplanten Entlassungen zu beraten. Und Suter war ein As in seinem Job. Massenentlassungen, die zig Familien in die bittere Armut getrieben hatten, ließen ihn nachts gut schlafen. Er war ein Wolf. Er fraß sich satt an seiner Beute. Was die Beute empfand, ging ihn nichts an. Seine Kollegen fragten ihn manchmal, wie er derart unbeteiligt seiner Aufgabe nachgehen konnte. Eine Antwort blieb er stets schuldig. 

Denn Andreas Suter hegte ein Geheimnis. Er verbarg es unten in der Garage seines Hauses. Es befand sich in einem Holzkästchen in der untersten Schublade des Werkzeugschranks. Suter war sich sicher: hier würden es weder seine Frau Margit noch ihre achtjährige Tochter Denise finden. Nie und nimmer. 

Wenn sie einen Ort im Haus mieden, dann war es die Garage. Hier roch es nach Öl und Benzin. Kein Ort für seine Frau und schon gar nicht für kleine Mädchen. 

Jeden Morgen, kurz bevor er sich auf den Weg ins Büro machte, ging Suter hinunter in seine Garage. Er nahm das kleine, mit grünem Samt ausgeschlagene Kästchen aus der Schublade und öffnete es andächtig. In dem Kästchen lag nichts weiter als ein grauer, wallnussgroßer Stein. Auf den ersten Blick war es kein besonderer Stein. Nein, es war sogar ein ganz gewöhnlicher Stein. Ein Stein, wie er zu tausenden an den Rändern unserer Straßen und Wege herumliegt. Und dennoch nahm ihn Suter jeden Morgen – außer an Samstagen und Sonntagen – behutsam aus dem Kästchen, legte ihn auf ein Tuch vor sich hin, und begann daran zu reiben. 

Sobald er mit der Hand einige wenige Male über den kalten, rauen Stein gestrichen hatte, vollzog sich in Suter eine wundersame Wandlung. Hatte er bis eben noch ein warmes Gefühl in seiner Brust verspürt, als er seine Frau Margit und die kleine Denise zum Abschied auf die Wange küsste, oder als er den faulen Kater Miro mit einem Lächeln im Gesicht am Bauch krabbelte, so verfinsterte sich mit jedem Strich über den Stein Suters Miene. Das warme Gefühl wich einer eisigen Kälte, die sein ganzes Herz durchzog. 

So ging Suter ins Büro. Er drehte sich niemals um. Nie warf er seiner am Fenster ihm nachschauenden Frau einen Handkuss zu. Und Suter ging nie zurück, um noch etwas zu holen. Er schritt schnurstracks mit seinem Aktenkoffer auf den in der Auffahrt zum Haus parkenden schwarzen Porsche Cayenne zu, setzte sich hinein und verschwand durch das sich geräuschlos hinter ihm schließende gusseiserne Hoftor.

 

Eines Tages spielte seine Tochter Denise mit Kater Miro im Wohnzimmer. Denise warf ein zu einem Ball zusammengewickeltes Wollknäuel in den Flur. Die dicke Katze wollte gerade dem Knäuel hinterher springen; da rollte es die Treppe zum Keller hinunter, über den gefliesten Kellergang und hinein in die einen Spalt offen stehende Tür der Garage. Unter Suters Werkzeugschrank kam es dann zum Liegen. Das Kind war dem Knäuel bis in die Garage gefolgt. Es hatte gerade noch gesehen, wie der Wollball unter dem Werkzeugschrank verschwunden war. Und weil seine kurzen Ärmchen nicht an das Knäuel heranreichten, zog es die untere Schublade des Werkzeugschranks auf. Vielleicht befindet sich darin etwas, mit dem ich das Bällchen herausfischen kann, dachte die kleine Denise. Da fiel ihr das Holzkästchen ins Auge. Sie hätte es sicher übersehen, doch die darin eingelassenen goldenen Initialen A.S. weckten ihre Neugier. Denise nahm das Kästchen aus der Schublade und stellte es vor sich auf den Boden. 

Das Mädchen öffnete behutsam den Deckel des Kästchens. Dass sie darin nur einen grauen und unscheinbaren Stein liegen sah, enttäuschte Denise. Und dennoch ging von diesem Stein eine magische Anziehungskraft aus. 

„Ich muss diesen Stein haben“, murmelte sie. 

Sie nahm ihn in ihr kleines Händchen und strich sanft mit der anderen Hand darüber. Da spürte das Kind, wie ihr eine eisige Kälte das Herz gefrieren ließ. Diese Kälte strömte vom Stein in die Hand. Sie strömte durch die Adern des Armes und ergoss sich in das kleine gute Kinderherz. Mit bösartigen Blicken um sich werfend, legte Denise den Stein zurück in das grüne Samt. Sie schloss den Deckel und nahm das Kästchen unter ihren Arm. 

Auf dem Weg hoch in ihr Zimmer traf sie auf Miro. Als der Kater wie gewohnt um die Beine seiner kleinen Freundin streifen wollte, verspürte er einen schmerzhaften Fußtritt. 

„Hau ab, blöde Katze“, herrschte ihn das Kind an. 

Beleidigt verzog sich Miro in die Küche. So etwas hatte er in seinem dreizehnjährigen Katzenleben noch nie erlebt.

Derweil schlich Denise über die Treppe in ihr Zimmer, nicht ohne dabei einen prüfenden Blick in das Schlafzimmer ihrer Eltern zu wagen. Sie schaute nach der Schatulle auf Mutters Nachttischchen. 

Bewahrte Mama darin nicht ihren Schmuck auf?  

Diese wunderschön funkelnden Ringe und Ketten, die das kleine Mädchen so gern an ihrer Mutter sah. Mama sieht damit immer aus wie eine Königin. Ich möchte aber auch Königin sein, dachte das Kind plötzlich. Gelber Neid stieg in Denise auf, und er begann sie gänzlich einzunehmen. Der Wunsch, zumindest einen dieser funkelnden Ringe für sich zu behalten, nahm in dem Kind überhand. 

Es ging schnurstracks zu der Schatulle, öffnete den Deckel und schüttete den ganzen schönen Schmuck auf dem Nachttischchen aus. Denise bemerkte dabei nicht, dass einer der Ringe herunterfiel und unter das Bett rollte. Sie betrachtete den Schmuck prüfend und entschied sich sogleich für einen goldenen Ring, in den ein hell blinkender Brilliant eingelassen war. 

Den nehme ich für mich. Warum soll meine Mutter so viel haben und ich nichts? 

Sie versuchte den Ring über einen ihrer kleinen gierigen Finger zu streifen. Es gelang ihr nicht. Der Ring war zu groß; er wollte einfach nicht halten. So steckte ihn Denise zunächst in ihre Hosentasche. Dann kramte sie den restlichen Schmuck zusammen, legte alles zurück in die Schmuckschatulle und verließ auf spitzen Zehen das elterliche Schlafzimmer.

Ihre Mutter stand indessen unten in der Küche und bereitete das Abendessen zu. 

Wo sich das Kind nur rumtreibt? Sonst hört man es doch immer irgendwo im Haus herumlaufen oder vor sich hin singen. Und wo ist eigentlich die Katze? Die sitzt doch sonst immer beim Essen machen zwischen meinen Füßen; immer in der Hoffnung, dass für sie ein Häppchen abfällt. Komisch, dachte Mutter Margit, da will ich doch mal nachsehen.

Und so ging sie durchs Haus, um nach den beiden zu schauen. Als sie durch das Wohnzimmer kam, entdeckte sie den Kater Miro. Der kauerte verängstigt und geduckt unter dem Tisch. 

„Nanu, was ist denn mit dir los? Du bist ja gar nicht bei mir in der Küche; bist du etwa krank?“ Aber als die Katze dankbar ob der lieben Ansprache schnurrend um ihre Beine strich, beruhigte sich die Mutter schnell. 

Wo ist nur Denise? 

Sie rief ihre Tochter mehrfach. Eine Antwort bekam sie nicht. 

Mutter stieg die Stufen des Treppenhauses empor. 

Vielleicht ist sie ja in ihrem Zimmer und hört mich nicht. 

Und so ging Mutter zum Zimmer ihrer Tochter und drückte die angelehnte Tür auf. Da sah sie ihre kleine Tochter, wie sie gerade noch mit dem Fuß die Schublade ihrer rosa Kommode zuschob und sich sichernd davorstellte. Dabei blickte sie ihre Mutter mit funkelnden Augen lauernd an. „Was willst du?“ 

Margit machte unbewusst einen Schritt zurück in den Flur. Die Kälte in den Worten ihrer Tochter ließ sie innerlich erschaudern. 

Was war nur mit dem Kind los? 

Vor einer halben Stunde ist Denise noch fröhlich singend durchs Haus gelaufen, und jetzt dieser hasserfüllte Blick. 

So kannte sie ihre Tochter gar nicht.

„Denise, ist alles in Ordnung?“ 

„Ja.“ 

„Wirklich?“ 

„Hm. Noch was?“ 

Mutter traute ihren Ohren nicht. „Ich glaube, wir müssen uns mal unterhalten, junges Fräulein.“ 

„Das glaube ich nicht.“ 

„Oh ja, Denise, das müssen wir. Was glaubst du eigentlich, was für einen Ton du mir gegenüber anschlagen darfst, hm?“ 

Schweigen. 

„Denise?“ 

„Was. willst. Du?“ In abgehacktem Stakkato knallte Denise ihrer Mutter diese drei Worte entgegen.

„Was hast du da in deiner Schublade? Du versteckst doch was!“ 

„Nein, tu ich nicht.“ 

„Und warum stehst du da so vor deiner Kommode?“ 

„Ist das mein Zimmer oder deins?“

So hatte Margit ihre Tochter noch nie sprechen hören. Weder zu ihr, weder zu ihrem Mann, noch zu irgendwem. Margit drehte sich kommentarlos um, ging in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und setzte sich verzweifelt vor ihren Schminktisch.  Sie blickte sich im Spiegel an, und noch bevor sich eine erste Träne aus ihren Augen lösen konnte, sah sie im Spiegel hinter sich ein Funkeln unter dem Bett. Nanu, was liegt denn da? 

Margit stand auf und wollte nachschauen, was das denn wäre, das da unter ihrem Bett daherfunkelte. Knieend streckte sie ihren Arm aus und griff nach dem Etwas. Sie holte den Ring hervor und schaute ihn nachdenklich an. 

Wieso liegst du da unten? Ich bin mir sicher, dass ich dich noch gestern in die Schatulle getan hatte. Wie kommst du unter das Bett? 

Verwundert öffnete die Mutter ihre Schatulle, um das Schmuckstück zurückzulegen. Und auch beim Anblick des Durcheinanders in dem Schmuckkästchen geriet Margit ins Grübeln. 

Das sieht mir gar nicht ähnlich. Da muss doch jemand an der Schatulle gewesen sein. 

Und sie zählte eins und eins zusammen. Der Ring unter dem Bett, bei dem sie sich sicher war, ihn gestern in die Schatulle gelegt zu haben und das völlig untypische Verhalten ihrer Tochter, als sie ihre Kommode vor ihrer eigenen Mutter zu sichern versuchte.

Margit ging festen Schrittes und ohne anzuklopfen in das Zimmer ihrer Tochter. „Warst du an meinem Schmuck?“ 

„Nein.“ 

„Ich weiß, dass du an meinem Schmuck warst.“ 

Und die Tochter schon ein wenig lauter: „Nein, war ich nicht!“ 

„Mach die Schublade auf!“ 

„Fick dich!“ Das Kind war mittlerweile schon ganz rot im Gesicht geworden. 

Margit machte zwei Schritte vorwärts und schob ihre Tochter energisch zur Seite. Da spürte sie, wie Denise sich erst an ihr Bein klammerte, um im selben Moment zuzubeißen. Ein stechender Schmerz schoss der Mutter ins Herz. Und es war nicht der Schmerz der kleinen Zähne, die sich wild in das Fleisch ihres Beines bohrten.

Margit schüttelte ihre Tochter mit aller Kraft ab und verließ panikartig das Kinderzimmer. Sie stürmte die Treppe hinunter, rannte zur Haustür hinaus und verkroch sich tränenüberströmt in die Laube am Ende des Gartens.

So fand sie Andreas Suter vor. 

Als er abends nach Hause gekommen war, stand ihr Wagen in der Einfahrt. Im Haus war sie nicht zu finden, und da niemand auf sein Rufen reagierte, ging Suter in den Garten. Er sah die offenstehende Laubentür und trat ein. „Du lieber Gott, was ist denn um Himmels Willen los?!“ In sich zusammengesunken hockte seine Frau auf der Holzbank und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Sie schluchzte. Und Suters Herz hatte im Verlauf des Tages seine ganze Kälte verloren. Die Kraft des Steins war wie stets gegen Abend versiegt. Er nahm seine Frau in den Arm und strich ihr über den Kopf. „Was ist denn bloß los, warum bist du hier, und warum weinst du so sehr?“ 

„Es ist wegen Denise.“ 

„Was ist mit Denise?“ 

„Sie ist nicht mehr sie selbst.“ 

„Wie meinst du das?“

Und da brach es aus Margit hervor. Sie erzählte ihrem Mann alles. Und Suter hörte ihr aufmerksam zu. Als seine Frau geendet hatte und Suter mit feuchten Augen hilfesuchend anschaute, da blickte sie in ein bestürztes, wissendes Gesicht ihres Mannes. Suter küsste seine Frau auf die Stirn, drehte sich stumm um und ging mit forschem Schritt in Richtung Haus. Dort öffnete er das Garagentor und sah sich in seiner Vermutung bestätigt. Denn als er die Schublade seines Werkzeugschranks herauszog, da war dort kein Kästchen aufzufinden. Der Stein, von dem er sich gewiss war, ihn morgens wieder zusammen mit dem Kästchen zurück in die Schublade getan zu haben, war verschwunden.

„Denise, kommst du mal runter? Ich hab dir etwas Schönes mitgebracht! Eine Überraschung!“ 

Und da hörte Suter schon die trippelnden Schritte die Treppe hinunter. „Papa, was ist es?“ 

„Ich habe es in die Gartenlaube gestellt, sieh nach!“ 

Und mit gierigem, nach einem Geschenk lechzenden Gesichtsausdruck rauschte das Kind an Suter vorbei, durch die Haustür und in den Garten. Er ließ die Tür hinter seiner Tochter ins Schloss fallen. Dann eilte er hoch in ihr Zimmer. Dort angekommen ging er zu der Kommode. Er öffnete die Schublade.

Dort war sie, seine Schatulle. Suter öffnete sie behutsam und sah den Stein darin liegen. Gerade wollte er ihn herausnehmen und wie gewohnt daran reiben, da durchfuhr ihn ein fürchterlicher Schrecken. Du hast das Herz meiner Tochter vergällt! Du hast aus ihr einen selbstsüchtigen kleinen Teufel gemacht! Du hast aus ihr, da kam es wie ein Gewitter über ihn, du hast aus ihr mich gemacht

Und er nahm den Stein, steckte ihn in die Tasche und ging zur Haustür hinaus. Auf dem Weg zum Auto hörte er Denise wutentbrannt hinten im Garten brüllen. „Ich will das Geschenk! Gib es mir! Mama!“

Suter setzte sich in sein Auto und fuhr davon. Als er zurück kam, da ruhte der Stein bereits im Flussbett der Aare. Ein kleines Fischlein schwamm vorbei, und es bemerkte den Stein. Es begann prüfend an dem Stein zu saugen. Und seine Augen verfinsterten sich.

Für den nächsten Tag meldete sich Suter krank.

 

llte es vor sich auf den Boden. 

Das Mädchen öffnete behutsam den Deckel des Kästchens. Dass sie darin nur einen grauen und unscheinbaren Stein liegen sah, enttäuschte Denise. Und dennoch ging von diesem Stein eine magische Anziehungskraft aus. 

„Ich muss diesen Stein haben“, murmelte sie. 

Sie nahm ihn in ihr kleines Händchen und strich sanft mit der anderen Hand darüber. Da spürte das Kind, wie ihr eine eisige Kälte das Herz gefrieren ließ. Diese Kälte strömte vom Stein in die Hand. Sie strömte durch die Adern des Armes und ergoss sich in das kleine gute Kinderherz. Mit bösartigen Blicken um sich werfend, legte Denise den Stein zurück in das grüne Samt. Sie schloss den Deckel und nahm das Kästchen unter ihren Arm. 

Auf dem Weg hoch in ihr Zimmer traf sie auf Miro. Als der Kater wie gewohnt um die Beine seiner kleinen Freundin streifen wollte, verspürte er einen schmerzhaften Fußtritt. 

„Hau ab, blöde Katze“, herrschte ihn das Kind an. 

Beleidigt verzog sich Miro in die Küche. So etwas hatte er in seinem dreizehnjährigen Katzenleben noch nie erlebt.

Derweil schlich Denise über die Treppe in ihr Zimmer, nicht ohne dabei einen prüfenden Blick in das Schlafzimmer ihrer Eltern zu wagen. Sie schaute nach der Schatulle auf Mutters Nachttischchen. 

Bewahrte Mama darin nicht ihren Schmuck auf?  

Diese wunderschön funkelnden Ringe und Ketten, die das kleine Mädchen so gern an ihrer Mutter sah. Mama sieht damit immer aus wie eine Königin. Ich möchte aber auch Königin sein, dachte das Kind plötzlich. Gelber Neid stieg in Denise auf, und er begann sie gänzlich einzunehmen. Der Wunsch, zumindest einen dieser funkelnden Ringe für sich zu behalten, nahm in dem Kind überhand. 

Es ging schnurstracks zu der Schatulle, öffnete den Deckel und schüttete den ganzen schönen Schmuck auf dem Nachttischchen aus. Denise bemerkte dabei nicht, dass einer der Ringe herunterfiel und unter das Bett rollte. Sie betrachtete den Schmuck prüfend und entschied sich sogleich für einen goldenen Ring, in den ein hell blinkender Brilliant eingelassen war. 

Den nehme ich für mich. Warum soll meine Mutter so viel haben und ich nichts? 

Sie versuchte den Ring über einen ihrer kleinen gierigen Finger zu streifen. Es gelang ihr nicht. Der Ring war zu groß; er wollte einfach nicht halten. So steckte ihn Denise zunächst in ihre Hosentasche. Dann kramte sie den restlichen Schmuck zusammen, legte alles zurück in die Schmuckschatulle und verließ auf spitzen Zehen das elterliche Schlafzimmer.

Ihre Mutter stand indessen unten in der Küche und bereitete das Abendessen zu. 

Wo sich das Kind nur rumtreibt? Sonst hört man es doch immer irgendwo im Haus herumlaufen oder vor sich hin singen. Und wo ist eigentlich die Katze? Die sitzt doch sonst immer beim Essen machen zwischen meinen Füßen; immer in der Hoffnung, dass für sie ein Häppchen abfällt. Komisch, dachte Mutter Margit, da will ich doch mal nachsehen.

Und so ging sie durchs Haus, um nach den beiden zu schauen. Als sie durch das Wohnzimmer kam, entdeckte sie den Kater Miro. Der kauerte verängstigt und geduckt unter dem Tisch. 

„Nanu, was ist denn mit dir los? Du bist ja gar nicht bei mir in der Küche; bist du etwa krank?“ Aber als die Katze dankbar ob der lieben Ansprache schnurrend um ihre Beine strich, beruhigte sich die Mutter schnell. 

Wo ist nur Denise? 

Sie rief ihre Tochter mehrfach. Eine Antwort bekam sie nicht. 

Mutter stieg die Stufen des Treppenhauses empor. 

Vielleicht ist sie ja in ihrem Zimmer und hört mich nicht. 

Und so ging Mutter zum Zimmer ihrer Tochter und drückte die angelehnte Tür auf. Da sah sie ihre kleine Tochter, wie sie gerade noch mit dem Fuß die Schublade ihrer rosa Kommode zuschob und sich sichernd davorstellte. Dabei blickte sie ihre Mutter mit funkelnden Augen lauernd an. „Was willst du?“ 

Margit machte unbewusst einen Schritt zurück in den Flur. Die Kälte in den Worten ihrer Tochter ließ sie innerlich erschaudern. 

Was war nur mit dem Kind los? 

Vor einer halben Stunde ist Denise noch fröhlich singend durchs Haus gelaufen, und jetzt dieser hasserfüllte Blick. 

So kannte sie ihre Tochter gar nicht.

„Denise, ist alles in Ordnung?“ 

„Ja.“ 

„Wirklich?“ 

„Hm. Noch was?“ 

Mutter traute ihren Ohren nicht. „Ich glaube, wir müssen uns mal unterhalten, junges Fräulein.“ 

„Das glaube ich nicht.“ 

„Oh ja, Denise, das müssen wir. Was glaubst du eigentlich, was für einen Ton du mir gegenüber anschlagen darfst, hm?“ 

Schweigen. 

„Denise?“ 

„Was. willst. Du?“ In abgehacktem Stakkato knallte Denise ihrer Mutter diese drei Worte entgegen.

„Was hast du da in deiner Schublade? Du versteckst doch was!“ 

„Nein, tu ich nicht.“ 

„Und warum stehst du da so vor deiner Kommode?“ 

„Ist das mein Zimmer oder deins?“

So hatte Margit ihre Tochter noch nie sprechen hören. Weder zu ihr, weder zu ihrem Mann, noch zu irgendwem. Margit drehte sich kommentarlos um, ging in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und setzte sich verzweifelt vor ihren Schminktisch.  Sie blickte sich im Spiegel an, und noch bevor sich eine erste Träne aus ihren Augen lösen konnte, sah sie im Spiegel hinter sich ein Funkeln unter dem Bett. Nanu, was liegt denn da? 

Margit stand auf und wollte nachschauen, was das denn wäre, das da unter ihrem Bett daherfunkelte. Knieend streckte sie ihren Arm aus und griff nach dem Etwas. Sie holte den Ring hervor und schaute ihn nachdenklich an. 

Wieso liegst du da unten? Ich bin mir sicher, dass ich dich noch gestern in die Schatulle getan hatte. Wie kommst du unter das Bett? 

Verwundert öffnete die Mutter ihre Schatulle, um das Schmuckstück zurückzulegen. Und auch beim Anblick des Durcheinanders in dem Schmuckkästchen geriet Margit ins Grübeln. 

Das sieht mir gar nicht ähnlich. Da muss doch jemand an der Schatulle gewesen sein. 

Und sie zählte eins und eins zusammen. Der Ring unter dem Bett, bei dem sie sich sicher war, ihn gestern in die Schatulle gelegt zu haben und das völlig untypische Verhalten ihrer Tochter, als sie ihre Kommode vor ihrer eigenen Mutter zu sichern versuchte.

Margit ging festen Schrittes und ohne anzuklopfen in das Zimmer ihrer Tochter. „Warst du an meinem Schmuck?“ 

„Nein.“ 

„Ich weiß, dass du an meinem Schmuck warst.“ 

Und die Tochter schon ein wenig lauter: „Nein, war ich nicht!“ 

„Mach die Schublade auf!“ 

„Fick dich!“ Das Kind war mittlerweile schon ganz rot im Gesicht geworden. 

Margit machte zwei Schritte vorwärts und schob ihre Tochter energisch zur Seite. Da spürte sie, wie Denise sich erst an ihr Bein klammerte, um im selben Moment zuzubeißen. Ein stechender Schmerz schoss der Mutter ins Herz. Und es war nicht der Schmerz der kleinen Zähne, die sich wild in das Fleisch ihres Beines bohrten.

Margit schüttelte ihre Tochter mit aller Kraft ab und verließ panikartig das Kinderzimmer. Sie stürmte die Treppe hinunter, rannte zur Haustür hinaus und verkroch sich tränenüberströmt in die Laube am Ende des Gartens.

So fand sie Andreas Suter vor. 

Als er abends nach Hause gekommen war, stand ihr Wagen in der Einfahrt. Im Haus war sie nicht zu finden, und da niemand auf sein Rufen reagierte, ging Suter in den Garten. Er sah die offenstehende Laubentür und trat ein. „Du lieber Gott, was ist denn um Himmels Willen los?!“ In sich zusammengesunken hockte seine Frau auf der Holzbank und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Sie schluchzte. Und Suters Herz hatte im Verlauf des Tages seine ganze Kälte verloren. Die Kraft des Steins war wie stets gegen Abend versiegt. Er nahm seine Frau in den Arm und strich ihr über den Kopf. „Was ist denn bloß los, warum bist du hier, und warum weinst du so sehr?“ 

„Es ist wegen Denise.“ 

„Was ist mit Denise?“ 

„Sie ist nicht mehr sie selbst.“ 

„Wie meinst du das?“

Und da brach es aus Margit hervor. Sie erzählte ihrem Mann alles. Und Suter hörte ihr aufmerksam zu. Als seine Frau geendet hatte und Suter mit feuchten Augen hilfesuchend anschaute, da blickte sie in ein bestürztes, wissendes Gesicht ihres Mannes. Suter küsste seine Frau auf die Stirn, drehte sich stumm um und ging mit forschem Schritt in Richtung Haus. Dort öffnete er das Garagentor und sah sich in seiner Vermutung bestätigt. Denn als er die Schublade seines Werkzeugschranks herauszog, da war dort kein Kästchen aufzufinden. Der Stein, von dem er sich gewiss war, ihn morgens wieder zusammen mit dem Kästchen zurück in die Schublade getan zu haben, war verschwunden.

„Denise, kommst du mal runter? Ich hab dir etwas Schönes mitgebracht! Eine Überraschung!“ 

Und da hörte Suter schon die trippelnden Schritte die Treppe hinunter. „Papa, was ist es?“ 

„Ich habe es in die Gartenlaube gestellt, sieh nach!“ 

Und mit gierigem, nach einem Geschenk lechzenden Gesichtsausdruck rauschte das Kind an Suter vorbei, durch die Haustür und in den Garten. Er ließ die Tür hinter seiner Tochter ins Schloss fallen. Dann eilte er hoch in ihr Zimmer. Dort angekommen ging er zu der Kommode. Er öffnete die Schublade.

Dort war sie, seine Schatulle. Suter öffnete sie behutsam und sah den Stein darin liegen. Gerade wollte er ihn herausnehmen und wie gewohnt daran reiben, da durchfuhr ihn ein fürchterlicher Schrecken. Du hast das Herz meiner Tochter vergällt! Du hast aus ihr einen selbstsüchtigen kleinen Teufel gemacht! Du hast aus ihr, da kam es wie ein Gewitter über ihn, du hast aus ihr mich gemacht

Und er nahm den Stein, steckte ihn in die Tasche und ging zur Haustür hinaus. Auf dem Weg zum Auto hörte er Denise wutentbrannt hinten im Garten brüllen. „Ich will das Geschenk! Gib es mir! Mama!“

Suter setzte sich in sein Auto und fuhr davon. Als er zurück kam, da ruhte der Stein bereits im Flussbett der Aare. Ein kleines Fischlein schwamm vorbei, und es bemerkte den Stein. Es begann prüfend an dem Stein zu saugen. Und seine Augen verfinsterten sich.

Für den nächsten Tag meldete sich Suter krank.

 

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